Form und Funktion gehen Hand in Hand

Braucommune in Freistadt, Österreich: Neuer Trockenteil als interessante Modelllösung für mittelständische Brauereien

Mit der Inbetriebnahme des Flaschenkellerneubaus hat die Braucommune in Freistadt die technische Komplettmodernisierung ihrer Braustätte vorerst abgeschlossen. Im Mittelpunkt des nachfolgenden Portraits steht dabei das Trockenteilprojekt inklusive Umpackanlage. Dieser Trockenteil ist auf eine Füllerleistung von 22.000 Fl/h ausgelegt und wurde mit Standardmaschinen in einem Bestandsgebäude aufgebaut. Diese Faktoren machen den für die Braucommune in Freistadt verwirklichten Trockenteil gleichzeitig zur interessanten Modelllösung für mittelständische Brauereien.


Abb. 1: „Übersee“ bedeutet das Umpacken vom Standardgebinde in die Versandverpackung. Bei Weihenstephan sind das Kartons mit Einzelflaschen oder Baskets.Mit der Inbetriebnahme des Flaschenkellerneubaus hat die Braucommune in Freistadt ihre Komplettmodernisierung vorerst abgeschlossen.
Tief verwurzelt ist die Freistädter Braucommune in ihrer Heimat: dem Mühlviertel. Dieser Teil Oberösterreichs liegt nördlich der Donau, er grenzt an Bayern und die Tschechische Republik. Das Mühlviertel ist eine der traditionsreichsten und vitalsten Bierregionen Österreichs. Die Leidenschaft geht hier sogar soweit, dass sich ein Verein die Umbenennung des Mühlviertels in Bierviertel auf die Fahnen geschrieben hat. Die Protagonisten dieser Bewegung sind neben der Braucommune die Privatbrauerei Hofstetten, die Stiftsbrauerei Schlägl sowie der Biersommelier-Weltmeister und Gypsy-Brauer Karl Schiffner. Dieselben vier Hauptdarsteller stehen darüber hinaus hinter einer zweiten Bierspezialität, die überregional für Aufsehen sorgt – das Mühlviertler Cuvée.

Dazu steuert jeder der vier Brauer ein Bier bei, die dann wie beim Wein nach einer geheimen Rezeptur miteinander verschnitten werden. Freistadts Brauerei Geschäftsführer Ewald Pöschko blickt zurück: „Wir wussten nicht, ob die Bierwelt auf ein solches Produkt gewartet hat.“ Seine Sorge war jedoch unbegründet: Mit 60.000 Flaschen füllten die Mühlviertler Brauer vom zweiten Jahrgangs-Cuvée bereits zweimal mehr ab als in der Premieresaison.

 

Wer die Brauerei will, muss die Innenstadt kaufen

Doch zurück zur Braucommune: Im Jahr 1363 verlieh Herzog Rudolf IV den Bürgern von Freistadt das Privileg, in den eigenen Häusern Bier zu brauen und es dort auch auszuschenken. Als Bürger galt aber nur, wer ein Haus innerhalb der Stadtmauern besaß. Insgesamt gab es somit 149 brauberechtigte Häuser. Deren Bewohner brauten dann über Jahrhunderte mehr oder minder nebeneinander her, bis sie sich zur „Braucommune in Freistadt“ zusammenschlossen und 1777 ein gemeinsames Brauhaus außerhalb der Stadtmauern eröffneten. Mit jedem Haus innerhalb der Stadtmauern Freistadts wurden in diesem Zuge 15 Eimer Bier grundbürgerlich verknüpft. Maximal konnten noch Anteile bis zu 140 Eimern pro Haus zugekauft werden, also 140 mal 56 Liter gleich 78,4 hl Bier. Diese damals von den „Freistädter Braucommunisten“ erworbenen Rechte und Pflichten blieben bis heute unangetastet. Sie sind für die Brauerei noch immer von großer Bedeutung, wie Pöschko verdeutlicht: „Sollte sich ein Brauriese uns einverleiben wollen, müsste er die Innenstadt von Freistadt aufkaufen.“


Abb. 1: „Übersee“ bedeutet das Umpacken vom Standardgebinde in die Versandverpackung. Bei Weihenstephan sind das Kartons mit Einzelflaschen oder Baskets.Der neue Trockenteil ist auf eine Füllerleistung von 22.000 Fl/h ausgelegt und wurde mit Standardmaschinen in einem Bestandsgebäude aufgebaut.

Volle Konzentration auf den Heimatmarkt

Heute ist die Braucommune in Freistadt eine von 57 Braustätten in Oberösterreich und die größte Brauerei im Mühlviertel. Ihre jährliche Produktion umfasst zirka 100.000 hl Freistädter Bier und rund 20.000 hl Freistädter Limonade. Mit Ratsherrn Premium, März’n, Midium, Pegasus, Black Bock, Bio Zwickl, Junghopfenpils und Rotschopf werden aktuell acht untergärige Biere in Freistadt gebraut. Hinzu kommen noch der naturtrübe Zwickl-Radler, das Oktoberbier zur Saison, das Jahrgangsbier „Elixier“ in der edlen 0,75-l-Flasche und das bereits erwähnte Cuvée. Abgefüllt wird zu 75 Prozent in die Flasche, 25 Prozent gelangen als Fassbier auf den Markt. Übrigens: Mit der „Commune“ als Rechtsform einer Firma ist Freistadt mittlerweile die letzte ihrer Art in Europa.

„Wir konzentrieren uns seit Jahrzehnten auf unseren Kernmarkt. Hier bündeln wir die Kräfte“, erläutert Pöschko. Die Freistädter haben sich daher auch nie Gedanken darüber gemacht, ob sie in ganz Österreich antreten oder ins Ausland exportieren wollen. Beliefert wird der Umkreis von 60 km rund um den Schonstein mit dem eigenen Fuhrpark. „Wir können daher unser Bier genauso brauen, wie unsere Stammkunden es wollen. Wir müssen nicht auf Vorlieben von Tirolern, Burgenländern oder Bayern Rücksicht nehmen. Darum sind unsere Biere auch so markant gehopft“, so Pöschko.


Flaschenkeller als letzte Etappe des Modernisierungswegs

Der Erfolg gibt dieser Stragie Recht. Pöschko konkretisiert: „Wir sind in den letzten Jahrzehnten gewaltig gewachsen. Und das verdiente Geld haben wir dann gezielt in unsere technische Ausstattung reinvestiert.“ Die Brauerei wurde so zum technischen und architektonischen Schmuckstück. Ein Fakt, der in der Außendarstellung der Braucommune eine zentrale Rolle einnimmt. Besucher sind in Freistadt nämlich ausdrücklich erwünscht. Nicht weniger als 15.000 Teilnehmer zählte die Freistädter Bierakademie beispielsweise 2017 bei seinen Biererlebnis-Führungen und Brauseminaren. Tendenz steigend.

Die letzte Etappe auf diesem Modernisierungsweg war der Komplettneubau des Flaschenkellers. „Es war einfach an der Zeit, bezüglich Leistung und Technik etwas zu tun“, blickt Braumeister Leitner zurück. Die Investitionsziele waren dabei von vorne herein klar fixiert. Neben der doppelten Kapazität standen eine flexible und zuverlässige Anlagentechnik sowie ein geringerer Energiebedarf im Pflichtenheft. Zudem wollte Freistadt auch Einweg verarbeiten können und eine maschinelle Umverpackungslösung sollte gefunden werden. „Der 12er-Einwegkarton und der 6er-Mehrwegträger haben überproportional zugelegt. Bisher hatten wir das rein manuell gemacht. Hier wollten wir auf ein teilautomatisiertes Verfahren umstellen“, stellt Leitner heraus.


„Da haben sie wirklich gezeigt, was sie können“

Bereits in der frühesten Projektphase gingen die Freistädter daran, die konkrete Planung voranzutreiben. Aus gutem Grund: Für den Nassteil war eine Erweiterung vorgesehen. Für den neuen Trockenteil stand dagegen nur die Fläche der Altanlage zur Verfügung. Das heißt, hier musste zuerst abgebaut und dann der Boden sowie die Kanalisation erneuert werden. Der parallele Aufbau von Nass- und Trockenteil war folglich nicht möglich. „Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt hat sich BMS selbst empfohlen. Sie haben für unsere Aufstellungssituation ganz einfach das größte Know-how mitgebracht. Da haben sie wirklich gezeigt, was sie können“, unterstreicht Leitner.

Hinzu kam die Tatsache, dass sich zwei Kurvenpacker des Typs UNIPACK 100 seit zehn beziehungsweise fünfzehn Jahren in Freistadt bewährt hatten. Leitner fasst zusammen: „Diese Gesamtleistung haben wir gerne honoriert und BMS den Auftrag für die Realisierung des neuen Trockenteils inklusive Umpackanlage erteilt.“ Interessantes am Rande: In der Ausschreibung wurden neben dem Trocken- auch der Nassteil projektiert. „Dieses Layout haben wir, als die Verträge mit allen anderen geschlossen wurden, als Grundlage vorgegeben. Der Generalplan der Gesamtanlage stammt also zumindest indirekt aus Pfatter“, erläutert Leitner.


Gesamtprojekt schlüsselfertig abgewickelt Abb. 1: „Übersee“ bedeutet das Umpacken vom Standardgebinde in die Versandverpackung. Bei Weihenstephan sind das Kartons mit Einzelflaschen oder Baskets.Die Portalpalettierer verfügen über eine Spitzenleistung von etwa 27.000 Fl/h.


Konkret erfolgte die Auftragvergabe im Frühjahr 2017. Die Montagephase des Trockenteils startete Anfang März 2018. Der Trockenteil wurde inklusive steuerungstechnischer und mechanischer Anbindung an den Nassteil schlüsselfertig abgewickelt. Geliefert und installiert wurden zwei Portalpalettierer des Typs UNIPAL 105 in Standardausführung mit Palettentransport und Palettenmagazinen, einen Palettenbinder, zwei Dreikopfpacker des Typs UNIPACK 2.0, der Gebinde- und Flaschentransport, jeweils ein Entkorker und Entschrauber, die Leerkasten- und Palettenkontrolle, Vollzähligkeitskontrolle sowie ein halbautomatischer Neuglasabheber UNIPAL 203.

Ausgelegt ist der neue Trockenteil auf eine Füllerleistung von 22.000 0,5-l-Flaschen pro Stunde. Die Palettierer haben eine Spitzenleistung von etwa 27.000 Fl/h. Die Packer verfügen über eine vergleichbare Mehrleistung von etwa 20 Prozent. Verarbeitet werden die 0,5-l-MW-NRW-Flasche und die 0,33-l-MW-Eigenflasche im 20er-Kasten, die 0,33-l-EW-Ale-Flasche im 24er-Kasten sowie die 0,5-l-MW-Weißglas-Flasche mit Schraubverschluss im 20er-Träger für AfG. Der Auspacker hat demzufolge mit dem 20er-Kasten nur ein Format zu verarbeiten. Der Einpacker bestückt dagegen mit dem 20er- und 24er-Kasten zwei Formate. Das Neuglas für die Einwegabfüllung wird über den UNIPAL-Abheber eingeschleust.


Umpackaufgabe mit Kurvenpackern der Altanlage gelöst

Die Umpackanlage wurde ebenfalls von BMS geplant und parallel zum Trockenteil, jedoch räumlich von diesem getrennt umgesetzt. „In diese Umpackanlage“, so Pöschko, „wurden die beiden 100er-Packer integriert. Das waren die einzigen beiden Maschinen, die von der Altanlage übernommen wurden.“ Je nach Nachfrage gelangen die entsprechenden Vollgutkästen zur Umpackanlage. Im Mehrwegbereich ist das der 20er-Kasten. Beim Einweg kommt der 24er-Kasten zum Einsatz. Die jeweiligen Vollkästen werden per Hand aufgesetzt und vom Auspacker ausgepackt. Die leeren Kästen gehen zum Einpacker. Auf diesem Weg werden sie händisch mit Baskets bestückt. Diese stellt ein neu zugekaufter Basket-Aufrichter her. Der zweite Altpacker setzt abschließend das Vollgut in die Basket-Kästen ein.

Werden Einwegflaschen umgepackt, laufen diese stattdessen durch den Einpacker hindurch und gelangen so zu einem Wraparound-Packer. Darin entstehen Einweg-Multipacks mit 8, 12 und 24 Flaschen. Die Be- und Entpalettierung geschieht wie die Ver- und Entsorgung der Umpackstation manuell.


In zwei Wochen vom Montagestart zur Nennleistung

Sowohl die Montage als auch die Inbetriebnahme des Trockenteils verliefen laut Pöschko absolut reibungslos: „Wir sind an dem Tag, den wir viele Monate zuvor festgelegt hatten, in Betrieb gegangen. Dafür höchstes Lob von unserer Seite.“ Dieses „just in time“ war auch bitter notwendig, präsentierte sich das Frühjahr 2018 doch schon sehr bald sommerlich. Die 0,5-l-Ware füllte für den Übergang zwar eine Nachbarbrauerei ab. Die 0,33-l-Produkte musste Freistadt dagegen vorproduzieren. Viel mehr als zwei Wochen vom Montagestart bis zum Erreichen der Nennleistung des Trockenteils waren bei der mit den Sonnenstrahlen rasant ansteigenden Nachfrage demzufolge auch nicht drin.

Der neue Trockenteil startete also gleich mit einem absoluten Härtetest in sein Arbeitsleben. Dieser wurde rundweg bestanden, wie Pöschko hervorhebt: „Wir fahren wie geplant bei der 0,5-l-Flasche mit 22.000 und bei den 0,33-l-Flasche mit 24.000 Flaschen pro Stunde. Die Anlage läuft rund, die Planung passt. Kurz: Unsere Investitionsziele wurden alle erreicht.“

Betrieben wird der Trockenteil inklusive Umpackanlage von vier Mitarbeitern im „gedehnten“ Einschichtbetrieb. Ein Mitarbeiter kommt dabei früher, um die Anlage hochzufahren. So erreicht Freistadt bei einer Kernarbeitszeit von 7 Uhr bis 16:30 Uhr eine Nettoabfüllzeit von acht Stunden. Die Anzahl der wöchentlichen Abfülltage richtet sich nach der Nachfrage.


In vielerlei Hinsicht „super gelungen“

Die komplette Bedienmannschaft war wie das Instandhaltungsteam bereits beim Aufbau des Trockenteils und der Umpackanlage dabei. Zusammen mit der Inbetriebnahme resultierte daraus eine mehr als ausreichende Lernphase, um bezüglich Bedienung und Wartung der Anlage die notwendige Sicherheit zu erhalten. In den Augen von Pöschko ein zentraler Gesichtspunkt: „Es war ja für unsere Mitarbeiter anlagen- und steuerungstechnisch ein Sprung ins neue Jahrtausend. Der ist ihnen dann auch super gelungen.“

„Super gelungen“ lautet dann auch das Gesamtfazit des Projekts. Sogar unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten. So ist der für die Braucommune in Freistadt verwirklichte Trockenteil gleichzeitig eine vorbildliche Modelllösung für mittelständische Brauereien, die auf Standardmaschinen aufbaut. Die Umpacklösung wiederum zeigt, wie sich Komponenten einer Altanlage bei entsprechender Planung sinnvoll in eine neue Anwendung transferieren lassen. Nicht zuletzt ist der neue Trockenteil für Pöschko auch über das Technische hinaus vorbildlich: „Er ist außerdem sehr schön anzusehen. Das ist für uns mit Blick auf unsere Besucher ein ganz wichtiger Aspekt.“ Die Form folgt der Funktion also in Freistadt nicht nur schüchtern. Beide führen die Braucommune vielmehr Hand in Hand in ihr nächstes, sicherlich erfolgreiches Kapitel.

 

Erschienen in: Brauwelt / November 2019